Anne Pauen: „Aufstellung zur Ausstellung“

Die künstlerische Arbeit von Margarete Schopen-Richter fasziniert mich als Systemikerin und Tiefenpsychologin, weil sie eine interdisziplinäre Brücke schlägt zwischen der Kunst und der Psychologie.

Um diese Brücke sichtbar machen zu können möchte ich gerne mit einem Zitat beginnen, auf das mich Margarete aufmerksam machte, weil sie sich in der Beschreibung des Schriftstellers Ralf Rothmann in ihrem eigenen Schaffensprozess so treffend beschrieben sah:
„Jeder, der halbwegs schöpferisch arbeitet, macht ja die Erfahrung, dass da etwas wirkt, das willensstärker ist als er selbst. Die wirklich guten, schönen oder bewegenden Textstellen kann man sich nicht ausdenken, die kommen, die sind plötzlich da. Aber woher kommen Sie? Meine besten Texte waren immer noch weiser als ich.“

In dem nachfolgenden Text will ich versuchen die Frage von Rothmann zu beantworten, indem ich die Arbeit von Margarete als Ausgangspunkt benutze, weil sie beides sichtbar macht, den Prozess des Schaffens und die Verstrickungen der familiären Beziehungen, in diesem Fall auch mit unseren Ahnen. Beide Bereiche sind Teilgebiete der Psychologie und gehen in dieser Ausstellung eine wunderbare Symbiose ein mit der Äußerungsform der Künstlerin.

Mit der Frage von Rothmann betreten wir also die Interdisziplinäre Brücke und begeben wir uns von der Kunst hinüber in das Gebiet der Tiefenpsychologie. Wie kann es sein, dass ein Künstler sich mehr als Medium denn als Macher seiner Schöpfung erfährt? Dass es eher den Anschein hat, dass ihm etwas zufällt, das aus einem Bewusstseinsbereich kommt, zu dem er mit seinem „normalen“ Bewusstsein keinen Zugang hat?

Um das erklären zu können, nehme ich Sie kurz mit in die Entstehungsgeschichte der Tiefenpsychologie.
Einer der beiden Väter der Tiefenpsychologie war der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung ( 1895-1983), der bei den meisten Menschen weniger bekannt ist als sein Kollege Siegmund Freud. Jung entdeckte während seiner Arbeit mit psychiatrischen Patienten, dass diese in Tag und Nachtträumen Zugang hatten zu einer Art von Kollektiver Datenbank, die er später das Kollektive Unbewusste nannte. In diesem Teil unseres Unterbewusstseins befinden sich Bilder, die eine universelle Aussagekraft haben, da sie für alle Menschen in allen Kulturen und allen Zeiten gleichbleibende Muster zeigen. Eines dieser universellen Muster ist der künstlerische Schaffensprozess. Jung nannte diese Muster die Archetypen.

Dass dieser Prozess so alt ist wie die Menschheit selbst, kann man sehen an den jahrhundertealten Beschreibungen aus der Alchemie. Jung hat in ihnen Parallelen gefunden zu dem was er später seine Analytische Psychologie nannte. Dort wurde der Schöpferische Akt das Opus Magnum genannt, das große Werk. Den Transformationsprozess, den die Alchemisten beschrieben, vollzog sich sowohl auf der materiellen Ebene bei der Veränderung von Metall als auch auf der metaphysischen Ebene unserer Psyche. Dieser Prozess kennt drei Phasen.

Die erste Phase ist der Zustand der Zersetzung und Rottung, wodurch die Umwandlung in Gang gesetzt wird. Der Prozess beginnt, er ist nicht schön, er stinkt, macht Angst und konfrontiert uns mit den unangenehmen Seiten der Vergänglichkeit sowohl auf der materiellen Ebene unseres Körpers als auch auf der psychischen Ebene der geistigen Transformation. Jung nannten diese Phase die dunkle Nacht der Seele. Sie trug den Namen Negredo, die Schwarzwerdung. In Mythologien finden wir dieses Thema, wenn der Held in die dunkle und gefährliche Unterwelt hinuntergeht.

Wenn sich der Prozess der Zersetzung vollzogen hat, entsteht die Phase der Verwandlung. Aus dem Verfallenen entsteht etwas Neues. Den Prozess der Umwandlung nannten die Alchemisten die weiße Phase der Läuterung, des Weißwaschens. Dies ist der Moment, wo der Held das Licht am Ende des Tunnels sieht und nach bestandenen Prüfungen zurückkehren darf als Phönix, der aus der Asche aufsteigt.

Abgerundet wurde der Transformationsprozess in der roten Phase durch die Entstehung des edlen sauberen Metalls, die Verwandlung von unrein in rein. Auf dem metaphysischen Niveau spricht der Alchemist von der Verschmelzung der Seele mit dem Göttlichen. Das Opus Magnum ist vollbracht.

Zurückkehrend zu der Brücke die sich zeigt in der künstlerischen Äußerungsform von Margaretes Arbeit und dem archetypischen Prozess der sich unbewusst bei ihr vollzog, spiegelte ihr Werk diese Symbolik unter anderem dadurch , dass sie überwiegend diese drei Farben in dieser Ausstellung benutzt hat. Den schwarzen Teer, das weiße Totenhemd und das rote Kleid, das für ihre Großmutter steht.

So finden wir in dieser Ausstellung sowohl den archetypischen Prozess des Schaffens als auch den inhaltlichen Prozess der Vergangenheitsbewältigung. Auch dies ein unbewusster Vorgang, der seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Unser Schicksal ist verknüpft mit dem unserer Ahnen, ihre Gedanken, Gefühle und Handlungen haben in der Kettenreaktion von Ursache und Wirkung einen bleibenden Einfluss auf unser Leben. Ob wir es wollen oder nicht, die Wohltaten und die Vergehen unserer Ahnen haben nicht nur durch unsere DNA Einfluss auf unser Leben. Vielleicht kann es uns ein Trost sein, dass auch diese Tatsache archetypisch ist, denn schon in der Bibel wurde gesagt, dass die Schuld der Väter heimsucht die Kinder und Kindeskinder bis in das dritte und vierte Glied, Mose 34,6-7

Was wir in der Ausstellung sehen, ist also eine künstlerische Komposition, die zusammen eine Geschichte erzählt. Jedes Teil hat eine symbolische Bedeutung für die Künstlerin und erinnert damit an Personen und Begebenheiten, die in dem Leben ihrer Ahnen stattgefunden haben.

Was verbindet die Künstlerin mit ihren Ahnen? Alles was damals passierte, ist doch vorbei. Es war doch nicht ihr Leben. Was hat Margarete mit der Glocke im Kirchturm zu tun, die ihr Urgroßvater zu Ehren seines Herren spendete?

Nehmen wir die Glocke als Beispiel und sehen wir dabei nicht nur die Glocke als solche, die die Künstlerin an die Vergangenheit bindet, sondern richten wir uns auch auf den Klang der Glocke.

Es sind nicht nur unsere Ahnen als Menschen von Fleisch und Blut, sondern auch die Worte die gesprochen sind, die Gedanken die gedacht sind und als Folge dessen die Handlungen die hierdurch getätigt wurden, die uns binden an unsere Vergangenheit.

Die Gesamtsumme all dessen hat dafür gesorgt, dass wir geboren wurden aus den Eltern und Großeltern, aus denen unser Erbmaterial besteht und die uns durch ihre Wünsche und ihre Träume, aber auch durch ihr Leiden und ihre Traumata gemacht haben zu dem, was wir heute sind. Hierdurch ist unser Leben unmittelbar verbunden mit dem Schicksal unserer Vorfahren, auch wenn wir ihre Geschichten schon lange nicht mehr kennen.

Als Systemikerin sehe ich in der künstlerischen Aufarbeitung dieser Familienschicksale genau diese Prozesse , die mich als Mensch zutiefst berührt haben, vor allem durch die Authentizität der künstlerischen Äußerungsform, die so eigen ist an der Arbeit von Margarete.